Dokumentation zum Sonderteil Celle - Lebenslauf Adolf v. Garßen -

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Adolf von Garßen
 
30. Oktober 1885 geboren in Goslar am Harz
 
1914 - 1918 Kriegsdienst, zuletzt als Oberleutnant
 
bis 1920 Amts- und Landrichter in Hannover
 
Mai 1921 Ernennung zum Ministerialrat im Preußischen Justizministerium, Personalreferent, zuständig auch für den Oberlandesgerichtsbezirk Celle
 
März 1932 Ernennung zum Oberlandesgerichtspräsidenten in Celle
 
Mai 1933 Mitglied der NSDAP, Mitglieds-Nr. 2.624.517
 
23./24 April 1941 Teilnahme an der "Euthanasie"-Konferenz über die Anstaltsmorde in Berlin
 
12. April 1945 Verhaftung und Internierung durch die Britischen Militärbehörden
 
4. Januar 1946 im Lazarett des Internierungslagers Vilvorde bei Brüssel verstorben
 

 

Adolf v. Garßen war am Ende des Dritten Reiches der einzige OLG-Präsident in Preußen - und einer von insgesamt zwei Präsidenten im ganzen Deutschen Reich -, der bereits vor der Machtübernahme Hitlers ins Amt gekommen war. Zu vielen Unrechtsakten, insbesondere im Zusammenhang mit der Entlassung jüdischer Richter und Anwälte reichte er willfährig seine Hand. Diese Handlungen erfüllen uns heute mit Abscheu und Unverständnis.

So schrieb er beispielsweise am 10. Juni 1933 an den Preußischen Justizminister in Berlin über den von ihm bereits am 31. März 1933 vom Dienst suspendierten jüdischen 
Senatspräsidenten beim Oberlandesgericht Celle Dr. Katzenstein u. a.:

"Es kommt indessen überhaupt nicht in Betracht, daß Katzenstein als Senatspräsident in Celle bleiben könnte. Von jeher hat hier die Ernennung eines Juden zum Richter im Bezirk des Oberlandesgerichts in Celle Befremden und Unbehagen ausgelöst. Bei Katzenstein ist hier nicht verkannt worden, daß er eine große Arbeitsleistung bewältigt und auf rechtlichem Gebiete sehr Tüchtiges geleistet hat. Gleichwohl hat seine Ernennung zum Senatspräsidenten in Celle allgemein, insbesondere auch in der Beamten- und Anwaltschaft, Unmut und Abneigung zur Folge gehabt. Die niedersächsische Bevölkerung erträgt nun einmal keinen Nichtarier als Vorsitzenden eines Senats des Oberlandesgerichts, das doch - praktisch genommen - für die große Überzahl des Volkes letzte Instanz ist. Es laufen viele Beschwerden ein, und zwar auch solche gegen an sich einwandfreie Urteile, die darauf hinauslaufen, dass der von Katzenstein geführte Senat von jüdischem Geiste geleitet sei. Mitunter färbt diese Einstellung sogar auf Kritiken ab, die sich gegen andere, zweifelsfrei deutschstämmige, nationale und soziale Richter wenden. Bliebe Katzenstein Senatspräsident in Celle, so würde das Volk hier meines Dafürhaltens am Sinne des Gesetzes vom 7. April 1933 irre werden.

Jedenfalls steht fest, dass Katzenstein ein Mann von erheblichem Ehrgeize ist. In seiner bisherigen Stellung kann er unter keinen Umständen weiter verwendet werden. Er wird es immer mit großer Bitternis empfinden, wenn er wieder in eine bescheidenere Stelle zurücktreten müßte. Dies ist um so mehr anzunehmen, als Katzenstein verheiratet und Vater von vier Kindern ist, deren Zukunft nun nicht mehr als gesichert angesehen werden kann. Ich könnte mir gewisse Lagen denken, wo Katzenstein versuchen würde, wieder in ein anderes Lager abzuschwenken. M. E. bietet er nach seiner bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür, daß er jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten und ihm in Treue dienen wird. M. E. gebietet das Staatsinteresse, Katzenstein nach 4 des Gesetzes vom 7. April 1933 aus dem Dienst zu entlassen. Er ist ruhegeldberechtigt. Einer persönlichen Unterredung mit dem Gauleiter des Gaues Hannover-Ost der NSDAP. (Telschow, Harburg) glaube ich entnehmen zu können, daß ich in meiner Auffassung mit ihm einig gehe."

 

Mit Schreiben vom 23. Oktober 1933 schloss sich von Garßen "mit freudiger Zustimmung" einer vom Oberlandesgerichtspräsidenten in Kassel vorformulierten Ergebenheitsadresse an Adolf Hitler an, die wie folgt lautete:

"Das Deutsche Volk rüstet sich zur Entscheidungsschlacht in seinem Ringen um Gleichberechtigung. Es ist ein Kampf ums Recht, um unser heiliges Recht." Wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, dass Menschen auf Erden leben" sagt Immanuel Kant, sagt der Deutsche. So geloben denn wir Oberlandesgerichtspräsidenten Preußens im Namen aller unserer Kameraden als Hüter und Diener am Recht in tiefstem Ernst und flammender Entschlossenheit Adolf Hitler, unserem Gottesstreiter, unverbrüchliche Treue im Kampfe um das deutsche Recht. Siegfrieds Schwert ist in seiner Hand. Der Sieg im Kampf zwischen Licht und Finsternis wird auch diesmal beim Licht bleiben."

 

Ob v. Garßen tatsächlich ein überzeugter Nazi war, ist nicht unumstritten. In den Augen etlicher Celler Zeitgenossen war er es jedenfalls nicht. So äußerte sich z. B. sein von den Engländern eingesetzter - politisch unbelasteter - Nachfolger Dr. Frhr. von Hodenberg in einer Trauerrede im OLG Celle am 2. Februar 1946 u. a. wie folgt über v. Garßen:

"Herr von Garßen hat die Problematik, die in dem Versuche liegen mußte, Nationalsozialismus und Recht miteinander in Einklang zu bringen, niemals verkannt. Von Anfang an hat er in keinem Augenblicke glauben können, daß er dem Rechtsgedanken, an dem er hing, wahrhaft zum Siege verhelfen könne. Darin lag die tiefe Tragik, die über seinem Wirken lag. An seinem Grabe schweigt die Frage, ob er angesichts dieser Tragik seinen Platz schon früher einem anderen hätte räumen sollen. Das wissen wir jedenfalls: Er hat sich in schweren Kämpfen immer wieder dazu entschlossen, auf seinem Platze auszuharren, weil er glaubte, damit dem Rechte besser dienen zu können, als es ein von der Regierung Hitler neu ernannter Nachfolger an seiner Stelle getan haben würde, und er war weiter von dem heißen Wunsche erfüllt, durch seine Entscheidungen und Vorschläge Eingriffe anderer Instanzen abzumildern oder abzuwehren und damit den ihm unterstellten Beamten helfen zu können. Wer wie ich in den letzten sechs Monaten Gelegenheit gehabt hat, eine große Anzahl von Akten zu lesen, weiß, mit welcher warmherzigen Fürsorge für die ihm anvertrauten Menschen Herr von Garßen seine Aufgabe erfüllt hat. Voll tiefer Dankbarkeit gedenken deshalb besonders die Beamten, die unter ihm gearbeitet haben, ihres verewigten Präsidenten.

...

Wir wissen, daß auch Herr von Garßen wie jeder von uns nicht frei von Irrtum war. Aber wir sind uns dessen bewusst, daß er erfüllt war von einer tiefen Sehnsucht nach dem Recht und dem Wunsche, seinen Mitmenschen zu raten und zu helfen. Das Wort "in serviendo consumor" steht über seinem Leben. Wir neigen uns voller Ehrfurcht in Dankbarkeit und Trauer vor dem Angedenken des nun Heimgegangenen."

 

Manuskript der Trauerrede des von der Britischen Militärregierung eingesetzten Nachfolgers von Garßens, Freiherr Dr. Hodo von Hodenberg, die dieser am 2. Februar 1946 im OLG Celle gehalten hatte.

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