V. Historische Richterpersönlichkeiten des Oberlandesgerichts Celle

 

Weipart Ludewig von Fabrice
(1640 - 1724)

war der erste Präsident des Oberappellationsgerichts in Celle. Fabrice, im Jahre 1640 geboren, entstammte einer bürgerlichen, in den Neuadel erhobenen hessischen Familie. Nach dem Studium der Rechte war er zunächst in Wien tätig. In den folgenden Jahren wurde er in Deutschland bekannt durch seine ausgezeichneten Kenntnisse auf allen Gebieten des Rechts und als gediegener, erfolgreicher Praktiker in diplomatischen Verhandlungen. Dies verschaffte ihm den Zugang in die Laufbahn eines von vielen deutschen Fürsten hochgeschätzten Hofjuristen, die für die damalige Zeit typisch war. 1668 berief Herzog Georg Wilhelm den 27- jährigen als Hofrat nach Celle. Er wurde mit zahlreichen diplomatischen Missionen betraut und sammelte jahrzehntelang Erfahrungen als Jurist und Diplomat außerhalb Kurhannovers. 1684 wurde er wegen seiner vorzüglichen Dienste zum Geheimen Rat und Vizekanzler in Celle ernannt. 1705 wurde er zum Direktor der Justizkanzlei in Celle, also einer Gerichtsbehörde, ernannt. Fabrice erwies die außerordentliche Spannweite seiner Begabung dadurch, dass er sich auch als Richter und Vorstand eines Gerichts bewährte. Auf Grund kurfürstlicher Anordnung wurde er Vorsitzender der Redaktionskommission zur Ausarbeitung der Celler Oberappellationsgerichtsordnung, die er inhaltlich entscheidend mitprägte; nach der Celler Oberappellationsgerichtsordnung ist bis 1852 allgemein verfahren worden.

 

Friedrich Esaias Philipp von Pufendorf
(1707 - 1785)

gehört zu den berühmtesten Richterpersönlichkeiten des Oberlandesgerichts Celle. Er entstammt der bekannten Juristenfamilie von Pufendorf. Der berühmte Heidelberger Lehrer des Natur- und Völkerrechts, Samuel Pufendorf (1632 - 1694), war sein Großonkel. Friedrich Esaias von Pufendorf wurde 1707 in Bückeburg geboren. Schon sein Vater, Esaias Pufendorf, war von 1732 bis 1738 Oberappellationsrat in Celle gewesen. Damals herrschte die später am 27. Mai 1819 durch eine Verordnung festgelegte Gepflogenheit, dass Vater und Sohn nicht gleichzeitig am Oberappellationsgericht tätig sein durften. Friedrich Esaias Pufendorf wurde 1734 Assessor beim Hofgericht in Celle und 1738 - nach dem Tode seines Vaters - Oberappellationsrat, rückte jedoch nicht in die Stelle seines Vaters ein. 1767 wurde er Vizepräsident des Gerichts und blieb bis zu seinem Tode 1785 im Amt. Von Pufendorf war Berufsrichter in unserem Sinn. Die Geschäftsübersicht von 1752 weist ihn als außerordentlich fleißigen Richter aus, denn er hatte dreimal soviel Akten bearbeitet wie jeder andere. Von Pufendorf ist jedoch vor allem durch seine wissenschaftlichen Arbeiten hervorgetreten. Seine Abhandlung "De culpa" und vor allem seine "Observationes" gehören zu den bedeutendsten zivilistischen Arbeiten im Deutschland des 18. Jahrhunderts. Die Observationes sind eine Sammlung von nahezu 1.000 Betrachtungen aus allen Rechtsgebieten. Sie stellen eine bedeutende Sammlung von Entscheidungen des Oberappellationsgerichts und anderer Gerichte dar, an denen er zum Teil wohl selbst mitgewirkt hat. Dieses Werk erschien 1780 bis 1784 in einer 2. Auflage und war eine bedeutende Erkenntnisquelle für das zu ihrer Zeit im Hannoverschen wirklich geltende Recht. Dieses Hauptwerk beschäftigte ihn vier Jahrzehnte hindurch (1744 - 1783). Als rechtstheoretisches Werk ragt sein "De jurisdictione germanica liber", die Geschichte der Gerichtsbarkeit und der Gerichtsverfassung, hervor. In den Jahren 1770 bis 1772 verfasste Pufendorf einen umfangreichen Entwurf eines hannoverschen Landrechts (Codex Georginus), der indes nie Gesetz geworden ist. Pufendorf war keineswegs nur Jurist. Er verfasste eine Vielzahl größerer und kleinerer Arbeiten, die die vielseitigen Interessen eines hochgebildeten Mannes zeigen. So publizierte er auch schöngeistige und philosophische Abhandlungen.

Sein Sohn Ludolf Friedrich Johann konnte aus dem genannten Grunde erst nach dem Tode seines Vaters 1786 zum Oberappellationsrat in Celle ernannt werden. Als er 1828 starb, wurde dessen Sohn, Wilhelm Carl Ludwig (1829 - 1838) Oberappellationsrat, sodass Pufendorfs in vier Generationen als Richter an dem selben Gericht gewirkt haben.

 

Otto Albrecht von Düring
(1807 - 1875)

ragt unter den Oberappellationsgerichtspräsidenten des 19. Jahrhunderts in besonderem Maße hervor. 1807 in Harsefeld bei Stade geboren, war er nach Vollendung des Studiums der Rechtswissenschaft in Göttingen zunächst 1828 als Auditor (etwa Referendar) tätig. In dieser Stellung wirkte er nach dem Staatsstreich des Königs Ernst August an einem 1839 ergangenen Urteil mit, wonach das Staatsgrundgesetz von 1833, das König Ernst August 1837 für unwirksam erklärt hatte, weiterhin zu Recht bestünde. Es ist charakteristisch für von Düring, dass er, der politisch eher auf Seiten des Königs stand, trotzdem nicht bereit war, den Rechtsbruch von 1837 zu decken. 1847 wurde er zum Oberappellationsrat ernannt, und zwar als letztes Mitglied der Adligenbank vor deren Aufhebung. 1848 wurde er zum Vorstand des Justizministeriums in das "Märzministerium Stüve" berufen. Er leitete die Arbeiten an der Neuorganisation der Justiz verantwortlich und brachte die Justizgesetze in die Ständeversammlung ein. Er war es, der Leonhardt berufen und ihm die Durchführung seiner Gedanken ermöglicht hat. 1851 trat von Düring als Minister zurück und wurde nun zuerst Vizepräsident, dann 1859 Präsident des Oberappellationsgerichts. In seine Amtszeit als Minister fallen zwei Perioden, die das Gericht vor schwere Belastungsproben gestellt haben: Die Reaktionspolitik des Ministeriums von Borries und der Übergang des Landes an Preußen. Düring blieb im Amt. So war er der letzte Oberappellationsgerichtspräsident und der erste Präsident des nunmehr Preußischen Appellationsgerichts Celle.

 

Ludwig Windthorst
(1812 - 1891)

wurde 1812 geboren und ließ sich nach Studium in Heidelberg und Göttingen zunächst in Osnabrück als Advokat nieder. 1848 wurde er Oberappellationsrat in Celle. Noch im Königreich Hannover wurde er zweimal, 1851 und 1862 bis 1865 Justizminister und sodann 1866 zum Kronoberanwalt (etwa Generalstaatsanwalt) in Celle bestellt. 1867 folgte seine Entlassung aus dem Preußischen Staatsdienst. Windthorsts Berühmtheit ist dabei nicht eigentlich juristischem, sondern politischem Wirken zu verdanken. Bereits 1849 war er Abgeordneter in der zweiten Kammer des hannoverschen Parlaments. Nach der Gründung des Deutschen Reiches wurde er im Reichstag als Führer der Zentrumspartei einer der fähigsten Gegenspieler Bismarcks.

 

Adolf Leonhardt
(1815 - 1880)

war nach Studium in Göttingen und Berlin zunächst Advokat. Er machte sich durch seinen Kommentar zum hannoverschen Kriminalgesetzbuch einen Namen und wurde 1848 zum Referenten im Justizministerium bestellt. Er war der eigentliche Initiator der modernen hannoverschen Justizreform. 1865 wurde er infolge seiner Verdienste, die weithin Anerkennung fanden, zum Justizminister ernannt. 1866 trat er in den Preußischen Staatsdienst ein. Er war kurze Zeit Vizepräsident des Oberappellationsgerichts Celle, dann Präsident des Oberappellationsgerichts in Berlin und wurde Ende 1867 Preußischer Justizminister. Leonhardt schuf das erste deutsche Prozessgesetz, dass auf den modernen Grundsätzen der Mündlichkeit und Unmittelbarkeit beruhte. Dieses ist Vorbild der Rechtszivilprozessordnung von 1879 geworden. Leonhardt war darüber hinaus auch an der Schaffung der Deutschen Wechselordnung und des Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuchs beteiligt.

 

Gottlieb Planck
(1824 - 1910)

ist der wohl bedeutendste Richter des Oberlandesgerichts Celle im 19. Jahrhundert und wurde schon zu seinen Lebzeiten als "Vater des Bürgerlichen Gesetzbuchs" gerühmt. Planck wurde 1824 in Göttingen als Sohn des Oberappellationsrats Georg Wilhelm Planck geboren. Wegen politischer Betätigung im Jahre 1848 wurde er als Auditor (etwa Referendar) nach Osnabrück strafversetzt. Besonderes Aufsehen und Missfallen bei der Regierung erregte das von ihm verfasste Urteil des Obergerichts Aurich aus dem Jahre 1855, das eine königliche Verordnung für unwirksam erklärt hatte. Seine politischen Aktivitäten als Mitglied der liberalen Opposition trugen ihm ein Strafverfahren (das mit einem Freispruch endete) sowie mehrere Disziplinarverfahren ein. Im Jahre 1859 wurde Planck, der inzwischen dem Obergericht in Dannenberg zugewiesen worden war, anlässlich der Auflösung dieses Gerichts in den Wartestand versetzt. Im selben Jahr gründete er mit von Bennigsen und Miquel den Nationalverein, der seine Hauptaufgabe in der Propagierung der deutschen Einigung unter preußischer Führung sah und in Hannover angesichts der "reaktionären" Haltung des Kabinetts von Borries starke Resonanz fand. Nach dem Sturz dieses Kabinetts wurde Planck im Jahre 1863 als Obergerichtsrat in Meppen wieder eingestellt. 1868 wurde er Obergerichtsrat in Göttingen und noch im selben Jahr Appellationsrat in Celle. Hier ereilte ihn ein schweres Augenleiden, das binnen kurzer Zeit zu seiner Erblindung führte. Trotz dieser schweren Behinderung hat Planck sein Richteramt voll versehen und darüber hinaus bedeutende wissenschaftliche und gesetzgeberische Leistungen erbracht. Die bis 1874 andauernde Tätigkeit Plancks als Appellationsrat wurde 1871/72 durch seine Berufung zum Mitglied der Zivilprozess-Kommission in Berlin unterbrochen. Von 1874 bis 1887 gehörte Planck der ersten Kommission für den Entwurf eines Bürgerlichen Gesetzbuchs an, in der er vor allem das Familienrecht bearbeitete. Von seinem Amt als Appellationsrat ließ er sich 1879 dispensieren. 1889 wurde Planck in Göttingen Honorarprofessor. Seit 1890 war er Generalreferent der zweiten Kommission, deren Entwurf für das BGB er 1896 erfolgreich im Reichstag vertrat. Anschließend wirkte er wieder als Hochschullehrer in Göttingen und schuf seinen jahrzehntelang führenden Kommentar zum BGB. 1910 starb Planck in Göttingen. Das Oberlandesgericht wahrt Planck ein ehrendes Andenken in Form eines Glasfensters im Treppenhaus, in dem seine Gestalt mit dem BGB auf den Knien das moderne Recht verkörpert.

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